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Schleswag
Nachrichten 01.02.2000
Ja-Wort zwischen Himmel und Meer
„Ich hab' ganz
weiche Knie." Sichtlich aufgeregt geht Anke Maria Groß
die hölzerne Wendeltreppe im Pellwormer Leuchtturm hinauf.
Genau 140 Stufen sind es bis zum trauten Glück. Denn in exakt
33 Metern Höhe, mit Blick auf Insel und Wattenmeer, befindet
sich das wohl originellste Standesamt nördlich der Alpen.
Der Standesbeamte Dieter Clausen wartet schon auf Anke Maria und
ihren Bräutigam Andreas Kirst und bittet sie feierlich Platz
zu nehmen. Die Kerzen flackern, eine kleine Flagge des Bundeslandes
Nordrhein-Westfalen ziert den Amtstisch - kommt doch das Brautpaar
aus dem Sauerland.
Der Wind spielt
im Turm immer ein Lied
Tief Durchatmen bevor das endgültige Ja-Wort fällt. Und
dem Wind zuhören, der im stählernen Koloss aus dem Jahre
1907 schon bei niedrigen Windstärken sein pfeifendes Lied singt.
Während die Sonne durch die kleinen Bullaugen lugt und Rettungsringe,
Sprechtüte und Nebelhorn anstrahlt, geht die Zeremonie über
die Bühne: Ja-Wort geben, Eheringe tauschen, Küsschen
und kleine Irritationen wie „Soll ich jetzt mit meinem neuen
Namen unterschreiben?".
Dann übernimmt Leuchtturmführer Wilfried Eberhardt das
weitere Procedere. Als alter Seebär - er fuhr jahrzehntelang
als Kapitän zu hoher See - verleiht er der Trauung maritimes
Flair. „Sie haben nun den Hafen der Ehe angesteuert",
sagt Eberhardt mit sonorer Stimme und fährt im seemännischen
Vokabular fort. „So wird aus einer ,Ein-Mann-Wache' eine ,Zwei-Mann-Wache',
die wir mit dem Glasen, dem traditionellen Läuten der Schiffsglocke
zur Wachablösung an Bord, vollziehen wollen."
Die Schiffsglocke
läutet Glasen?
Der 61-Jährige schlägt den Klöppel einer an der Leuchtturmwand
befestigten Schiffsglocke. Siebenmal hintereinander. Kleine Pause.
Und noch einmal. Hell und hoch ertönt zitternd die Glocke aus
Messing. Unüberhörbar: die Stunde des Junggesellendaseins
hat endgültig geschlagen.
Dann geht's noch einige Stufen weiter empor. Eberhardt drückt
drei Vorreiber beiseite und die massive Eisentür klappt auf.
Himmel und Weite tun sich plötzlich auf. Staunend wandelt das
Brautpaar auf der schmalen Aussichtsplattform, die sich direkt unterhalb
des Leuchtfeuers an den Turm schmiegt.
Spätestens jetzt bleibt die Trauung ein unvergessliches Erlebnis.
Frischer Westwind weht dem Brautpaar um die Nasen. Austernfischer,
Möwen und Kiebitze geben ihr zwitscherndes Konzert. Der phantastische
Ausblick reicht über die grüne Insel hinaus bis nach Eiderstedt,
zum Turmbruder in Westerhever und schließlich auf das offene
Meer. Genau dorthin, wo das Pellwormer Feuer der Schifffahrt leuchtet
und ihr wie eh und je den sicheren Weg durch Untiefen weist. Dabei
läuft das Leuchtfeuer im vollautomatischen Betrieb, seit der
letzte Leuchtturmwärter von Pellworm vor fast einem Vierteljahrhundert
seine sieben Sachen packte.
Es macht Plopp
im Hülfswärterraum
Nach obligatorischer Umrundung geht's wieder hinab in tiefere Gefilde,
wo Barbara Eberhardt im früheren „Hülfswärterraum"
mit einem kleinen Umtrunk auf die Frischvermählten wartet.
Es ploppt. „Die Eltern wissen davon noch gar nichts, die werde
ich nachher mal anrufen", verrät die Braut. „Die
werden sich wundern." Im kreisrunden Raum wandern die Augenpaare
über alte Reederei-Plakate, die die Wände schmücken
und herrlich gemütliche Atlantikfahrten nach New York, Boston,
Brazil oder Argentina verheißen. Allesamt Orte und Länder,
die zu Hochzeitsreisen animieren. Um die Phantasie noch weiter zu
beflügeln, haben die Eberhardts sogar eine Schiffskoje in den
Raum gestellt. Allerdings kein Platz zum Ausruhen, ist doch der
Leuchtturm kein Schiff und steht das nächste Trau(m)paar schon
vor der Tür.
Der rot-weiß Gestreifte von Pellworm dient bereits seit zwei
Jahren als luftiges Trauzimmer. „Die Resonanz ist riesig",
freut sich Eberhardt, der über den Heiratsservice hinaus -
mit Erlaubnis des Wasser- und Schifffahrtsamtes Tönning - seit
1997 bereits über 600 Besucher fachkundig durch das Innenleben
des Leuchtturms gelotst hat.
Just dieser Tage gab sich das 222. heiratswillige Duo zwischen Himmel
und Meer das JaWort. Dabei kommen die Paare aus aller Welt. In den
Annalen des Leuchtturms ist sogar ein Pärchen vermerkt, das
aus Neuseeland anreiste. „Manche kommen mit dem Fahrrad vorgefahren,
manche stehen in Latzhosen vor der Tür, die wenigsten ganz
in Weiß", berichtet Eberhardt über seine bunte Kundschaft.
Jedoch haben alle eines gemeinsam: die Suche nach dem „Kick",
nach dem besonderen Ort.
„Leuchttürme finde ich einfach toll", frohlockt
Tatjana, die zusammen mit ihrem Gatten Georg Luckmann das 180. Traupaar
im Leuchtturm war. „Was ist dagegen eine Trauung im öden
Standesamt, wo alles im Sieben-Minuten-Takt abgewickelt wird und
wo du dich beim Ja-Wort fühlst wie bei einer Passverlängerung.
Zudem scheinen die Leuchtturm-Ehen länger zu halten als andere:
Denn ganz entgegen dem Trend ist bisher noch keine der in luftiger
Höhe geschlossenen Ehebündnisse geschieden worden. |